Gerade noch Kolleg*in, morgen schon Vorgesetzte/r.
Gestern war (nennen wir ihn Thomas) noch der geschätzte Kollege. Erfahren, hervorragend in seinem Job und zufrieden.
Dann wurde entschieden, dass Team weiter auszubauen und eine Führungskraft musste her.
Wie üblich wurde dies intern ausgeschrieben und mit Thomas wurde das Gespräch gesucht, da er als Top-Kandidat gehandelt wurde.
Thomas ist interessiert und sieht es als gute Chance sich weiter zu entwickeln. Er sagt zu.
Was folgt ist eine interne Info, ein kleines Büro für Thomas und 4 Wochen später ein Kompakt-Seminar in Mitarbeiterführung.
Was in den nächsten Monaten passiert ist sinnbildlich für diese Situation.
Thomas arbeitet zunehmend isoliert. Gespräche mit den ehemaligen Kolleg*innen und jetzigen Mitarbeiter*innen werden eisiger, die Performance im Team fällt ab und die Stimmung sinkt.
Nicht weil Thomas keinen guten Job macht, er macht einfach den falschen. Er agiert als Fachexperte und hat seine Rolle als Führungskraft weder verstanden, noch hat er das Werkzeug um an den richtigen Stellschrauben zu drehen.
Der Spagat, den Führungskräfte jeden Tag meistern müssenist ein völlig anderer. Unternehmensziele und Arbeitspakete transformieren, Vertrauen und Kontrolle sensibel im Gleichgewicht halten. Eine fördernde und zugleich fordernde Kultur aufbauen. Prozessoptimierung und konsequente Vermeidung von Bullshit Aufgaben. Gewohntes Hinterfragen. Konstruktiv kritisieren und positives verstärken. Ein Team zusammenschweißen und auf gemeinsame Ziele einschwören. Schlechte Neuigkeiten oder Ereignisse kommunizieren und Händeln. Entscheidungen treffen, die einen neuen Kompetenzrahmen haben. Die Liste der neuen Anforderungen ist länger als das Kompakt-Seminar.
ich habe mir immer gewünscht, dass ich jemanden habe, an den ich mich wenden kann in solchen Situationen. Der mir auf eine konkrete Frage, in einer konkreten Situation klare Handlungsempfehlungen aussprichst. Der mich und meine Entscheidungen challenged. Der mir den Kopf wäscht, wenn es andere sich nicht trauen. Echte Begleitung im Alltag.
Das macht es möglich, konkrete Situationen zu analysieren, zu bewerten und geeignete Maßnahmen oder Handlungen dazu zu empfehlen.
Das fiktive Rollenspiel im Seminar ist richtig und wichtig, hilft Thomas aber nicht, wenn wirklich sein erstes Kündigungsgespräch ansteht oder er wieder einmal mit der neuen Rolle struggelt, weil die Kollegen auf einmal ohne ihn zum Mittag gehen.
Ich habe diesen Prozess 2-3 mal selbst durchlaufen und weiß, das mit guter Kommunikation, der richtigen Haltung und vor allem Verhalten die notwendige Akzeptanz, ein guter Teamspirit und eine gute Performance erreicht werden kann und man als ehemaliger Kollege in die Rolle der Führungskraft reinwachsen kann.
Führung will gelernt werden.
Gute Führungsarbeit entsteht nicht über Nacht.
An alle Entscheider*innen: Begeht nicht den Fehler, die besten Fachkräfte einfach so zu Führungskräften zu berufen. Gebt ihnen Aus Losung, Begleitung, Support. Es ist für alle die beste Lösung.
Die wenigsten Fachkräfte, können von sich aus auch gut führen. Führung ist ein Handwerk, das erlebt werden will.
Frei nutzbar mit Verlinkung auf das Profil des Autors/der Autorin.